Die Zahl 35
von stormlord am 03.01.08

      Tony saß auf dem Thron seines geheimen Königreiches. Es war natürlich kein echter Thron, sondern die Spitze eines Reifenhügels und sein Königreich war nur ein alter Autoschrottplatz, aber das war Tony egal. Der Schrottplatz war sein absoluter Lieblingsort, denn hier konnte er jeden Tag etwas neues entdecken und ausserdem war es der absolut beste Ort um von roten Rennautos zu träumen.

      Tony träumte oft von roten Rennautos, denn alles was mit Rennautos zu tun hatte faszinierte ihn. Er trug wie fast immer sein Lieblings-Hemd, es war feuerrot und auf der Brust war ein schwarzes Rennauto und eine schwarz-weiß karierte Zielflagge aufgedruckt. Es war ihm noch ein bisschen zu groß, denn Tony war für seine acht Jahre ziemlich klein. Er war ein sehr aufgewecktes Kerlchen, genau wie seine Haare denn seine wilden roten locken sahen immer so aus als wäre er gerade geweckt worden. Auf seiner kleinen Stupsnase drängten sich unzählige freche Sommersprossen, als ob das zwischen seinen lachenden Augen und schelmischem Grinsen der einzige Zufluchtsort wäre. Tony war ein fröhliches Kind und ständig grinste er zwischen seinen Zahnlücken hindurch. Ausser seinem roten Hemd trug er noch eine ausgewaschene, blaue Jeans die auf Kniehöhe abgeschnitten war und staubig-graue Sportschuhe die vielleicht irgendwann einmal weiß gewesen waren.

      Auf seinem Hochsitz fühlte er sich immer wie ein König, denn von hier oben aus konnte er sein ganzes Reich überblicken und nach unentdeckten Schätzen suchen. Hinter ihm waren die zwei großen Autotürme, zwischen denen, versteckt hinter einem Labyrinth aus Fässern, Tonys geheimer Eingang lag. Zu seiner Rechten lag nur die schäbige Hütte der Schrottplatzarbeiter und das große Eingangstor, aber das war Sonntags, wenn Tony hier war, immer fest verschlossen. Direkt unter seinen Füssen lag der zentrale Platz seines Königreiches, während links von ihm zwei kleinere Autotürme waren zwischen denen ein neuer Reifenberg wuchs. Direkt hinter diesen Türmen lag der Ort, wo die neuen Autos abgestellt wurden, es war Tonys Schatzkammer.

      Tony entschloss sich in seiner Schatzkammer nach neuen Schätzen zu stöbern – wie immer hoffte er dabei ein rotes Rennauto zu finden. Vorsichtig kletterte er den wackeligen Reifenhügel hinunter. Er war den Weg schon so oft geklettert, dass er ihn sogar mit geschlossenen Augen gehen hätte können. Unten angekommen rannte er über den großen Platz zu seiner Schatzkammer. Tony war immer ungeduldig und dachte gehen wäre reinste Zeitverschwendung und deshalb rannte er überall hin.

      Ein bisschen ausser Atem erreichte er seine geheimen Schätze, doch er wurde wiedereinmal enttäuscht. Wie immer fand er keinen funkelnden roten Sportflitzer, sonder nur einen alten, heruntergekommenen Trabbi. Das Auto bot einen traurigen Anblick als Tony langsam herumging. An den Stellen wo es nicht mit Dreck und Staub verkrustet war schien unter der abfallenden Farbe schon der Rost durch. Allem Anschein nach waren die Seiten einmal rot, das Dach blau und Motorhaube und Kofferraum weiß gewesen, aber bei all dem Dreck konnte Tony nur raten. Die vordere Stoßstange war verbeult und hing auf einer Seite traurig herunter. Alle Lichter waren zerschlagen, nur einer der hinteren Blinker war noch ganz. Ausserdem war das linke Vorderrad das einzige welches das Auto noch besaß, alle anderen waren durch rote Ziegelsteine ersetzt worden. Das ganze Auto war total kaputt und verdreckt, sogar die Scheiben waren so schmutzig, dass es unmöglich war hinein zu sehen.

      Tony war schon ein bisschen enttäuscht, denn der alte Trabbi war das einzige neue Auto. Er sah so langweilig aus, dass Tony beschloss woanders nach interessanten Dingen zu suchen. Er hatte sich gerade umgedreht um zu gehen, als es urplötzlich anfing zu regnen. Es war einer dieser warmen Sommerregengüsse, bei denen es so stark schüttet dass man innerhalb von Sekunden klitschnass wird. Hastig sah sich Tony nach einem Unterschlupf um und entschied sich für den Trabbi. Die Beifahrertür war verriegelt, aber die andere Seite war offen und Tony schlüpfte ins innere und ließ die nasse Welt zurück.

      Innen war der Trabbi genauso heruntergekommen wie es die Aussenseiten versprochen hatten. Der Sonnenschutz hing auf der Fahrerseite lustlos herunter und der Beifahrersitz war so zerfleddert, dass schon einige Sprungfedern herausschauten. Das Leder des Lenkrades war teilweise verschwunden und der graue Stahl freigelegt. Tony drehte sich um und da hinten sogar die ganze Rückbank fehlte wurde er von einem großen leeren Loch angegähnt.

      Enttäuscht wollte er sich schon wieder nach vorne umdrehen, als sein Blick einen schwarzen Gegenstand unter einem grauen Tuch streifte. Gespannt zog er ihn unter dem Tuch hervor und sah mit ungläubigen Augen, dass es ein schwarzer Helm war. Tony war ausser sich vor Freude! Sofort probierte er den Helm an. Eigentlich war er ihm viel zu groß und rutschte ihm sofort ins Gesicht, aber das war Tony vollkommen egal, der Helm war das Beste was er jemals gefunden hatte.

      Mit dem Helm auf dem Kopf fühlte sich Tony gleich wie ein berühmter Rennfahrer und griff mit beiden Händen zum Lenkrad. Angestrengt blickte er aus dem Fenster und sah zuerst nur wie Wasser und Dreck in Schlieren daran herunter lief. Doch dann verwandelte sich das schwammige Bild vor seinen Augen in eine sonnige Rennstrecke, auf der Reihe um Reihe leuchtender Rennwagen auf den Start wartete. Die Tribünen waren bis zum letzten Platz mit Fans gefüllt, die ihre Lieblingsfahrer lauthals anfeuerten.

      Dann ging auf einmal die Startampel an und Tony schaltete in den ersten Gang. Durch das laute Dröhnen der vielen Motoren fing er an zu zittern. Er war genau so nervös wie sein Auto unter ihm, ungeduldig endlich auf die Strecke zu dürfen. Mit einer Hand am Lenkrad und einer auf dem Schaltknüppel konzentrierte er sich noch einmal auf den Start. Er hatte die Ampel fest im Blick und schwor sich heute allen zu zeigen, dass er der Beste war. All seine Muskeln waren bis zum zerreissen gespannt, die Spannung wurde unerträglich. Plötzlich sah er einen grünen Blitz, die Ampel gab das Startsignal. Das Rennen ging los.

      Mit aller Kraft gab Tony seinem Gaspedal die Sporen, während sich die Welt um ihn herum in ein dröhnendes Inferno aus quietschenden Reifen und brüllenden Motoren verwandelte. Sein Auto schoss nach vorne und er wurde in seinen Sitz gepresst. Er schaltete wie wild, erster, zweiter, dritter Gang. Links, rechts und noch mal links. Gerade so schaffte er es noch den langsameren Autos auszuweichen. Schon vor der ersten Kurve hatte er drei andere Fahrer überholt. ... ... ...


      Nur noch ein Auto war vor ihm. Es trug die Nummer 1, es war der Sieger vom letzten Jahr. Tony schloss immer weiter zu ihm auf, aber es war nur noch eine Runde zu fahren. Würde das reichen um zu gewinnen? Tony konzentrierte sich noch einmal auf die letzten Kurven. Er hing jetzt direkt an der Stoßstange des Führenden. Gemeinsam schossen sie in halsbrecherischem Tempo um die Kurven. Plötzlich sah Tony wie sich eine Lücke für ihn auftat. Er gab seinem Gaspedal den Bleifuss so hart er nur konnte, um auch noch den letzten Tropfen Geschwindigkeit aus seinem Auto herauszuquetschen. Es wurde sehr knapp, nur noch eine Kurve zu fahren. Nebeneinander bogen sie ein. Tony feuerte sein Auto an. Er wurde noch schneller. Die Lücke schien sich zu schliessen. Der andere zog rüber, doch da war Tony schon vorbei. Er konnte es kaum glauben, er lag in Führung. Direkt hintereinander flogen sie auf die Ziellinie zu. Die Flagge fiel und Tony hatte gewonnen.

      Er stoppte sein Auto direkt vor der Tribüne. Wilder Applaus brandete ihm entgegen, es war unfassbar. Er stieg aus um seinen Fans zuzuwinken, doch plötzlich war es wieder still um ihn herum. Er stand wieder auf seinem Schrottplatz mitten in einer riesigen Pfütze. Der Regen hatte aufgehört und die Sonne strahlte wieder vom Himmel. Tony fühlte sich noch immer wie ein Rennfahrer, immerhin hatte er gerade ein Rennen gewonnen, und verbeugte sich vor einem Stapel Reifen.

      Er nahm seinen Helm ab und legte ihn auf das Dach. Doch was war das? Der Regen hatte das Auto völlig verändert. Es war jetzt blitzsauber und ein breites Grinsen machte sich auf Tonys Gesicht platz. Der ganze Dreck war abgewaschen und jetzt glitzerte der Wagen feucht in der Sonne. Die Seiten waren auf einmal leuchtend rot, das Dach tief blau und die Motorhaube strahlte in reinstem weiß. Nur ein dunkler Fleck war noch zu sehen. Tony wischte ihn mit seinem Ärmel weg. Zum Vorschein kam eine Zahl. Grinsend sah Tony wie die Zahl 35 auf der Motorhaube prangte. Der Trabbi war also doch ein echtes Rennauto.

(Popple-Lady)